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Reverse Factoring

Beim Factoring tritt der Lieferant seine Forderung an die Factoringgesellschaft ab. Beim umgekehrten Factoring (Reverse) initiiert der Abnehmer den Verkauf seiner Verbindlichkeit gegenüber den Lieferanten an ein Kreditinstitut. So erhält der Lieferant eine Vorfinanzierung für seine Leistung und der Käufer ein längeres Zahlungsziel.

Definition: Was ist Reverse Factoring?

Reverse Factoring wird definiert als Vorfinanzierung der finanziellen Verbindlichkeiten eines Abnehmers gegenüber seinem Lieferanten.[1] Initiator des Reverse Factoring ist stets der Abnehmer, dessen Verbindlichkeiten vom Factor, also einem Drittunternehmen, umgesetzt werden.

Wie funktioniert Reverse Factoring?

Grundsätzlich beauftragt der Abnehmer, also das Unternehmen, das vom Lieferanten beliefert wird, das Reverse Factoring. Spezialisierte Dienstleister bieten diese Form der Finanzierung an. Dazu werden ein Finanzierungsrahmen festgelegt und ein Vertrag aufgesetzt. Diesen unterzeichnen mindestens der Factor und der Abnehmer, wahlweise auch der Lieferant. Alle finanziellen Forderungen werden damit an das Factoring-Unternehmen abgetreten.[2]

Grundstruktur von Reverse Factoring

Der Abnehmer bestellt Waren bei seinem Lieferanten. Dieser liefert die bestellten Waren und stellt, wie üblich, eine Rechnung aus. Die Rechnung wird, wenn sie korrekt und vollständig ist, an das Factoring-Unternehmen weitergeleitet, das daraufhin innerhalb der gesetzten Frist die Zahlung übernimmt. Je nach Unternehmen besteht dann eine Zahlungsfrist für den Abnehmer gegenüber dem Factor. Diese kann unterschiedlich lang sein: Bis zu 120 Tage ab Rechnungseingang gewähren manche Factoring-Unternehmen ihren Kunden. In dieser Zeit muss der Abnehmer seine Rechnungen gegenüber dem Factor begleichen.[3]

Grundstruktur von Reverse Factoring

Wer trägt die Kosten für die Lieferantenfinanzierung?

Die Kosten für den Factor werden vom Abnehmer gezahlt, da er das Factoring-Unternehmen beauftragt. Es existieren Modelle, bei denen der Lieferant einen Teil der Kosten trägt; bei diesen besteht dann auch ein Factoring-Vertrag zwischen dem Lieferant und dem Factor.

Factoring vs. Reverse Factoring

Die Unterschiede:

Factoring

Reverse Factoring

Initiative geht vom Lieferanten aus

Initiative geht vom Abnehmer aus

Finanzierung des Factors erfolgt durch den Lieferanten

Finanzierung des Factors erfolgt durch den Abnehmer

Vertrag wird nur zwischen Lieferant und Factor geschlossen

Vertrag wird zwischen Abnehmer und Factor, ggf. sogar mit Lieferant geschlossen

Möglichkeit des Full Service Factoring, bei dem auch Mahn- und Inkassowesen im Namen des Lieferanten vom Factor bedient werden

Mahn- und Inkassowesen werden vom Factor direkt gegen den Abnehmer bedient, da der Factor das Geld vorgestreckt hat

Alle Forderungen eines Lieferanten gegenüber allen seinen Abnehmern gehen an den Factor über

Der Abnehmer trifft die Vereinbarung für einen (oder mehrere) spezifische Lieferanten

Kreditversicherung als Schutz vor Zahlungsunfähigkeit des Kunden ist möglich

Keine Kreditversicherung notwendig

Bei beiden Varianten handelt es sich um ein Kreditsubstitut, das für Lieferant und Abnehmer eine Finanzierungsmöglichkeit darstellt. Der Lieferant erhält sein Geld zügig und in voller Höhe, der Abnehmer hat eine längere Zahlungsfrist, um seine Rechnungen zu begleichen. Gleichzeitig bleiben die regelmäßigen Warenlieferungen bestehen.[4]

Auswirkungen auf Financial Covenants

Financial Covenants bezeichnen Verpflichtungen zur Einhaltung von festgelegten finanziellen Anforderungen, also die Finanzkennzahlen. Dazu können unter anderem der Nettoverschuldungsgrad und die Liquidität eines Unternehmens zählen.[5]

Auswirkungen auf diese Finanzkennzahlen hat das Reverse Factoring dann, wenn eine zusätzliche Kreditfinanzierung vonseiten des Abnehmers besteht oder geplant ist. Bei einer Kreditfinanzierung, beispielsweise durch eine Bank, werden die Finanzverbindlichkeiten vorab geprüft, um den Kredit- oder Finanzierungsrahmen berechnen zu können. Die Verbindlichkeiten des Abnehmers gegenüber dem Lieferanten müssen dabei Beachtung finden. Kreditgeber beziehen die Verbindlichkeiten bei der Berechnung der Finanzkennzahlen ein, die die Verschuldung des Abnehmers bezeichnen. Dazu zählen sowohl der Verschuldungsgrad (Leverage) als auch das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital (Gearing).[6]

Vorteile von Reverse Factoring

Reverse Factoring bietet sowohl für den Lieferanten als auch für den Abnehmer Vorteile, die vorrangig finanzieller Natur sind. Reverse Factoring beeinflusst das Verhältnis zwischen Abnehmer und Lieferant positiv, da beide Parteien ihre Waren bzw. Zahlungen pünktlich erhalten. Das sorgt für eine gute Geschäftspartnerschaft.

Vorteile für Abnehmer

Reverse Factoring ermöglicht dem Auftraggeber, also dem Abnehmer, einige entscheidende Vorteile:

  • Längere Zahlungsziele für eigene Rechnungen
  • Unabhängigkeit von Kreditinstituten
  • Bilanzstruktur wird gestärkt[7]
  • Möglichkeit, Skonto mit dem Lieferanten zu vereinbaren und so insgesamt Geld zu sparen

Vorteile für Lieferanten

Die Möglichkeit des Reverse Factoring gewährt auch dem Lieferanten einige Vorteile:

  • Der Zahlungseingang erfolgt stets binnen der gesetzten Frist und in voller Höhe.
  • Das Risiko, dass der Abnehmer nicht zahlungsfähig ist, trägt der Factor und nicht der Lieferant.
  • Die eigenen Verbindlichkeiten gegenüber Vorlieferanten oder Großhändlern können bezahlt werden.
  • Im Gegensatz zum normalen Factoring hat der Lieferant keine eigenen Kosten, da das Reverse Factoring vom Abnehmer bezahlt wird.

Reverse Factoring: Beispiel

Ein Unternehmen arbeitet regelmäßig mit Eisenmaterialien. Dies trifft beispielsweise auf Stahlproduzenten in der Automobilbranche zu. Der Hauptlieferant dieses Stahlproduzenten liefert regelmäßig Eisen an das Unternehmen. Nun schließt der Stahlproduzent einen Reverse-Factoring-Vertrag mit einem Factoring-Dienstleister. Der Factor finanziert die Rechnungen des Eisenlieferanten nun vor und bekommt die vorgestreckten Summen binnen 120 Tagen ab Rechnungsstellung vom Stahlproduzenten rückerstattet. Auch der Eisenlieferant wird in dem aufgesetzten Vertrag berücksichtigt, da dieser direkt von der zügigen Zahlung des Factors profitiert. Andere Lieferanten sind von dieser Vereinbarung nicht betroffen, ebenso wenig die Automobilhersteller, die der Stahlproduzent beliefert.

Einzelnachweise

[1] http://www.nortonrosefulbright.com/wissen/publications/66623/reverse-factoring-darstellung-der-grundzuge-und-auswirkungen-auf-financial-covenants

[2] https://www.abs-global-factoring.de/wiki/reverse-factoring/#wie-funktioniert-reverse-factoring

[3] https://www.abs-global-factoring.de/wiki/reverse-factoring/#wie-funktioniert-reverse-factoring

[4] https://welt-der-bwl.de/Factoring

[5] https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/financial-covenants-53572

[6] http://www.nortonrosefulbright.com/wissen/publications/66623/reverse-factoring-darstellung-der-grundzuge-und-auswirkungen-auf-financial-covenants#section3

[7] https://www.abs-global-factoring.de/wiki/reverse-factoring/#wie-funktioniert-reverse-factoring

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